Während des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde uns bewusst, dass die Lehren der Katholischen Kirche entwicklungsfähig sind, dass sie dies während der vergangenen 2000 Jahre stets waren und dass unsere Kirche keinen Alleinanspruch auf religiöse Wahrheiten besitzt. Wir bestätigten die Existenzberechtigung anderer Religionen und die Gewissensfreiheit aller Menschen. Wir wurden uns des Unterschieds zwischen Glaube und Theologie bewusst: Wir haben einen Glauben, doch dieser Glaube kann auf vielfältige Weise interpretiert werden, d. h. es gibt viele Theologien, die uns helfen zu verstehen, wer und was wir als Christen sind. Uns, den Mitgliedern der Catholic Church Reform International (Internationale Katholische Kirchenreform-Bewegung, CCR Int'l), ist es wichtig, dass wir uns, selbst wenn wir eine von manchen "offiziellen" kirchlichen Positionen abweichende Meinung haben, immer noch als gute Katholiken fühlen können und dass wir darüber hinaus kreativ sein können und neue Wege finden, um Jesu Botschaft umzusetzen und damit eine bessere Welt gestalten zu können.

Die gesamte kirchliche Soziallehre ist bestrebt, das, was Jesus durch Worte und Taten lehrte, zu erläutern und zu vertiefen. Dabei wird selbstverständlich berücksichtigt, dass wir heutzutage mit Situationen konfrontiert sind, die Jesus sich niemals hätte vorstellen können. Und während wir uns der Erkenntnisse der modernen Wissenschaften, einschließlich der Sozial- und Humanwissenschaften und insbesondere der Theologie sowie anderer betroffener Fachgebiete, bedienen, um unseren Weg durch das Dickicht mancher komplexer Sachverhalte zu finden, stellen wir uns immer wieder die Frage: "Wie würde Jesus reagieren?" In Bezug auf die kirchliche Soziallehre, soweit sie das Familienleben betrifft, berührt vieles davon die Sexualität – und Sexualität wird nicht wirklich von der kirchlichen Hierarchie verstanden. Das Ausmaß dieses Unverständnisses wird an der Tatsache deutlich, dass fast durchgängig auf die Fälle von Sexualmissbrauch weltweit nicht angemessen reagiert wurde. Insbesondere unterstreicht es den Mangel an Sinn dafür, wie sehr die menschliche Psyche durch Missbrauch und dessen Langzeitwirkung Schaden erleidet. Sexualität durchdringt alles, betrifft nicht nur den physischen Bereich, sondern greift viel tiefer. Dem muss die kirchliche Lehre Rechnung tragen.

Die institutionelle Kirche tut sich seit jeher sehr schwer mit allem, was mit Sexualität zu tun hat. Kleriker vermitteln oft den Eindruck, dass man sich vor Frauen in Acht nehmen muss, da sie eine Versuchung für ihren zölibatären Lebensstil darstellen, und dieser wird oftmals höherwertig dargestellt als die Ehe. Diese Haltung hat zu einem "Klerikalismus" geführt und zu der Vorstellung, dass Kleriker über Sexualität "erhaben" seien sowie einen besonderen Status und damit einhergehende Privilegien verdienten. In den meisten Fällen kennen sie Familienleben nur aus der Erfahrung ihrer Herkunftsfamilie, nicht aber von einer selbst gegründeten Familie. Aus diesem Grund fehlt es ihnen an der Erfahrung, wie es ist, sich um den Unterhalt für eine Familie abzumühen, Kinder vom Babyalter an bis durch die Pubertät hindurch zu versorgen, mit Krankheiten und Rückschlägen umzugehen und eine Ehebeziehung lebenslang aufrecht zu erhalten.

Die Mitglieder des Sekretariats der Familiensynode erstellten einen Fragebogen über die pastorale Praxis und die öffentliche Meinung, der den Schwerpunkt auf klerikale Gesichtspunkte legt: Das Verständnis der Ehe aus dem Naturrecht heraus, Seelsorge, Umgang mit Kindern aus nicht-traditionellen Gemeinschaftsformen etc. - wobei diese alle von vornherein auf bestimmten Annahmen basieren. Wenn die Familiensynode im Oktober tagt, werden die meisten der Teilnehmer Bischöfe sein. Es würde die Verbreitung des Evangeliums behindern, wenn die Familiensynode Beschlüsse über Themen fällen würde, die für die Familien weltweit von Bedeutung sind, ohne ein offenes Ohr für die Belange zu haben, die das Kirchenvolk an sie herantragen möchte. Dies ist eine wunderbare Gelegenheit, die Papst Franziskus der Kirchenhierarchie bietet: den Umgang mit ihrer Lehre neu zu überdenken, indem sie sich mit den Erfahrungen katholischer Familien auseinandersetzt und ihnen aufmerksam zuhört.

Die gelebte Erfahrung von Ehe und von verbindlich gelebten Partnerschaften im Allgemeinen hat sich in den letzten Jahrzehnten erheblich verändert. Die an der Synode teilnehmenden Bischöfe müssen einen Weg finden, Einsicht in die Erfahrungen von Menschen in unterschiedlichen Partnerschaften zu gewinnen, und zwar nicht nur in der Ehe, damit sie verstehen, dass es Situationen gibt, in denen die Einzelnen versuchen, guten Gewissens ein ganzheitliches Leben zu führen, alle Verpflichtungen und Kompromisse abzuwägen und oftmals gar nicht die Option haben, auf diese nicht eingehen zu können. Es ist wichtig, dass unsere Kirche dies voll und ganz versteht und unterstützt. Jesus wies niemals jemanden zurück, der guten Glaubens auf ihn zukam, sondern er zeigte ein Einfühlungsvermögen, das alle in Erstaunen versetzte. Aus diesem Grund nannten sie ihn "Rabbi", Lehrer. Wenn die Kirche Herz und Verstand der heutigen Menschen ansprechen will, so muss sie diesen mit einem ebensolchen Einfühlungsvermögen begegnen.

Catholic Church Reform International ist ein Netzwerk engagierter Katholiken, die sehnlichst eine Reform von kirchlichen Strukturen und eine überarbeitung der kirchlichen Lehre anstreben, damit die Bedeutung der Botschaft Jesu Christi unserer modernen Welt zugänglich gemacht wird. Ungefähr hundert katholische Vereinigungen aus 65 Ländern sind Teil des CCR Int'l Netzwerks, und in den kommenden Monaten vor der Synode werden sich regionale Gruppierungen in vielen dieser Länder treffen, um über diese Eingabe zu diskutieren. Wir vertrauen darauf, dass die Teilnehmer der Familiensynode diesen Beitrag und seine Empfehlungen im Bewusstsein entgegennehmen werden, dass wir sie im Wunsch überreichen, dem zu folgen, wozu uns Papst Franziskus aufruft.

Dies ist der Vorschlag unserer Arbeitsgruppe. Was ist Ihre Meinung? Was fehlt? Was ist zuviel? Was sehen Sie anders? Sendung Sie uns Ihr Feedback auf: info.de@CatholicChurchReformIntl.org

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2. Teil: Erfüllende zwischenmenschliche Beziehungen

   

 

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